Pflanzenheilkunde · Symptom 1 von 5
Rund drei von vier Frauen erleben Hitzewallungen; manche erleben sie wenige Monate, andere über ein Jahrzehnt. Was dabei im Körper passiert, ist heute gut verstanden. Was Pflanzen dagegen tun können, ist komplexer, als die meisten Ratgeber vermuten lassen.
Hitzewallungen entstehen, weil ein bestimmtes Nervenzellnetzwerk im Gehirn ohne Östrogen überaktiv wird. Verschiedene Kräuter setzen an diesem Mechanismus an: manche über phytoöstrogene Wirkstoffe, andere über die Stressachse oder direkt an den Schweißdrüsen. Dieser Artikel erklärt, welche Kräuter aus Ayurveda, TCM und europäischer Heilkunde genutzt werden, wie sie wirken und was die bisherige Forschung dazu sagt.
Im Hypothalamus sitzt eine Gruppe von Nervenzellen, die als KNDy-Neurone bezeichnet werden. Sie produzieren gleichzeitig drei Botenstoffe: Kisspeptin, Neurokinin B und Dynorphin. Solange der Östrogenspiegel hoch genug ist, hält das Hormon diese Zellen ruhig. Sinkt Östrogen in den Wechseljahren ab, verlieren die Neurone diese Bremse und werden überaktiv.
Die Folge ist eine drastisch verengte sogenannte thermoneutrale Zone, also der Temperaturbereich, in dem der Körper weder schwitzen noch frieren muss. Schon eine minimale Erwärmung reicht dann, um eine volle Gegenreaktion auszulösen: Blutgefäße weiten sich, die Schweißproduktion springt an, das Herz schlägt schneller. Was tagsüber als Hitzewallung erlebt wird, tritt nachts als Schweißausbruch auf, oft gefolgt von einem Kälteschauer, sobald der Körper die überschüssige Wärme wieder losgeworden ist.
Bemerkenswert ist, dass dieses System eng mit Serotonin und Noradrenalin verbunden ist, den Botenstoffen, die man sonst aus der Stimmungsregulation kennt. Das erklärt, warum Maßnahmen, die auf diese Botenstoffe wirken, auch bei Hitzewallungen einen Effekt zeigen können, sowohl pflanzliche als auch schulmedizinische.
Die Pflanzenheilkunde verfolgt bei Hitzewallungen mehrere unterschiedliche Wege. Ein Teil der Kräuter versucht, dem fehlenden Östrogen mit schwächeren, pflanzlichen Nachahmern entgegenzuwirken. Ein anderer Teil setzt an der Stressreaktion an. Wieder andere wirken direkt an den Schweißdrüsen. Diese unterschiedlichen Wirkmechanismen erklären, warum eine Kombination verschiedener Kräuter sinnvoll sein kann.
Hopfen enthält 8-Prenylnaringenin, einen der stärksten bekannten pflanzlichen Östrogen-Nachahmer. Der Stoff dockt an denselben Rezeptoren an wie körpereigenes Östrogen, allerdings mit deutlich geringerer Bindungsstärke. Zwei kontrollierte Studien zeigten eine Verbesserung klimakterischer Beschwerden; eine davon fand nach 90 Tagen eine signifikante Reduktion im Kupperman-Index, einem standardisierten Messinstrument für Wechseljahresbeschwerden. Die Europäische Arzneimittelbehörde hat eine offizielle Monographie für Hopfen bei Unruhe und Schlafproblemen, nicht jedoch spezifisch für Hitzewallungen.
Im Ayurveda gilt Shatavari als das zentrale Frauenkraut. Übersetzt bedeutet der Name etwa „die hundert Männer hat" und verweist auf die Bedeutung der Pflanze für weibliche Vitalität und Fruchtbarkeit. Pharmakologisch enthalten die Wurzeln steroidal wirkende Saponine, die Shatavarine, sowie Rutin, ein Flavonoid mit nachgewiesener Bindungsaffinität zum Östrogenrezeptor α.
Besonders aufschlussreich ist eine 2025 veröffentlichte kontrollierte Studie mit 75 perimenopausalen Frauen: Nach 120 Tagen zeigte die Shatavari-Gruppe nicht nur weniger Beschwerden, sondern auch messbare Veränderungen der Hormonspiegel FSH und LH, ein Hinweis darauf, dass die Pflanze tatsächlich in die hypothalamisch-hypophysäre Achse eingreift und nicht nur das Symptom überdeckt. Die Studie war herstellernah finanziert; eine unabhängige Replikation steht noch aus.
In der TCM wird Schisandra als Qi-Tonikum und Adaptogen eingesetzt, eine Kategorie von Pflanzen, die dem Körper helfen, mit Stress umzugehen. Die Beere der fünf Geschmacksrichtungen, wie sie im Chinesischen heißt, enthält Lignane (Schizandrine), die nachweislich die Stressachse modulieren und die Ausschüttung von Cortisol dämpfen.
Dieser Wirkmechanismus unterscheidet Schisandra grundlegend von Hopfen und Shatavari: Keine direkte Wechselwirkung mit Östrogenrezeptoren, sondern Einfluss auf die Stressantwort des Körpers. Eine kontrollierte Studie mit 36 Frauen zeigte eine Reduktion des Gesamtsymptomscores; der stärkste Effekt wurde bei Hitzewallungen und Schlafstörungen beobachtet. Die Studienlage ist noch dünn, der Wirkmechanismus aber gut belegt.
Angelica sinensis ist eines der zentralen Frauenkräuter der TCM und wird dort seit mehr als zwei Jahrtausenden bei gynäkologischen Beschwerden eingesetzt. In einem der ausgereiftesten Medizinsysteme der Welt kommt einer Pflanze diese Stellung nicht zufällig zu.
Die bislang methodisch sauberste westliche Studie, ein placebokontrollierter RCT von Hirata und Kollegen aus dem Jahr 1997, fand allerdings keinen Unterschied zu Placebo bei vasomotorischen Symptomen. Das sollte nicht vorschnell als Beweis für fehlende Wirkung gewertet werden: Die Wissenschaft kann immer nur finden, wonach sie sucht, und unter den Bedingungen, unter denen sie sucht. In der TCM wird Angelica sinensis nie als Einzelkraut, sondern stets in abgestimmten Rezepturen eingesetzt, eine Bedingung, die westliche Einzelstudien bislang kaum abbilden.
Die Traubensilberkerze ist eines der am intensivsten erforschten pflanzlichen Mittel bei Wechseljahresbeschwerden, und zugleich ein Lehrstück in wissenschaftlicher Selbstkorrektur. Jahrzehntelang nahm man an, sie wirke über Östrogenrezeptoren. Neuere Arbeiten zeigen, dass dieser Mechanismus die Datenlage nicht erklärt. Heute wird ein serotonerger Wirkmechanismus diskutiert, ähnlich dem Prinzip, das hinter bestimmten Antidepressiva steht.
Der maßgebliche Cochrane-Review über 16 Studien fand keinen signifikanten Unterschied zu Placebo; einzelne präparatspezifische Auswertungen kommen zu moderateren positiven Ergebnissen. Die Widersprüche erklären sich vermutlich dadurch, dass verschiedene Studien mit unterschiedlichen Extrakten und Herstellungsverfahren gearbeitet haben. Das ist ein in der Kräuterforschung grundsätzliches Problem. Die europäische Arzneimittelbehörde hat eine Monographie und empfiehlt, die Einnahme bei Anzeichen einer Leberstörung sofort zu beenden.
Rotklee und Soja verfolgen denselben Ansatz wie Hopfen: schwache, pflanzliche Östrogen-Nachahmer, sogenannte Phytoöstrogene. Sie docken bevorzugt an Östrogenrezeptoren vom Typ β an, der im Gehirn, in den Knochen und im Herz-Kreislauf-System vorkommt.
Ein oft übersehener Aspekt: Ein Teil dieser Pflanzenstoffe, insbesondere Daidzein aus Soja, muss im Darm von bestimmten Bakterien zunächst in Equol umgewandelt werden, die biologisch aktive Form. Diese Fähigkeit besitzt nur etwa jede zweite bis jede vierte Frau, je nach Darmflora. Wer die entsprechenden Bakterien nicht hat, nimmt weniger Wirkung auf, was einen erheblichen Teil der widersprüchlichen Studienlage erklären dürfte. Der Cochrane-Review zu Phytoöstrogenen sieht insgesamt keine überzeugenden Belege, hält höher dosierte Rotklee-Präparate aber für weiter untersuchenswert.
Salbei schlägt einen grundlegend anderen Weg ein als alle anderen genannten Kräuter. Er wirkt nicht über das Hormonsystem, sondern vermutlich direkt an den Schweißdrüsen und dem vegetativen Nervensystem. Genau deshalb ist Salbei auch nicht spezifisch bei Wechseljahresbeschwerden anerkannt, sondern ganz allgemein bei übermäßigem Schwitzen.
Die Europäische Arzneimittelbehörde weist in ihrer Monographie offen darauf hin, dass der genaue Wirkmechanismus nicht bekannt ist. Die Studienlage zu Wechseljahres-Hitzewallungen ist begrenzt: Eine offene Studie ohne Vergleichsgruppe zeigte starke Verbesserungen; eine kleinere, methodisch stärkere placebokontrollierte Studie bestätigte einen positiven Effekt. Bei der Zubereitung ist zu beachten: Das ätherische Öl enthält Thujon, das in hoher Dosierung neurotoxisch wirken kann, in wässrigen Aufbereitungen wie Tee ist es kaum löslich und damit unbedenklich.
Die Hormonersatztherapie gleicht das fehlende Östrogen aus und beruhigt damit den überaktiven Nervenzellmechanismus direkt. Für Frauen, die keine Hormone nehmen möchten oder dürfen, gibt es niedrig dosierte Antidepressiva aus der SSRI/SNRI-Gruppe, die über Serotonin und Noradrenalin auf dasselbe System einwirken. Seit 2023 beziehungsweise 2025 sind mit Fezolinetant und Elinzanetant zwei Wirkstoffe zugelassen, die ohne Hormone direkt den Botenstoff blockieren, der die Nervenzellen überaktiv macht.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
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